1. Was genau ist eigentlich das Lysbüchel-Areal, von dem nun überall die Rede ist?

Bis vor ein paar Jahren fristete das Lysbüchel-Areal ein Mauerblümchendasein. Mittlerweile ist das rund zwölf Hektar grosse Gebiet im Niemandsland zwischen Novartis Campus, Kehrichtverbrennungsanlage und französischer Grenze ins Zentrum der Stadtentwicklung gerückt. Analog zur gesamten Aufwertung des St. Johann-Quartiers soll nun als letzter Schritt der nördlichste Zipfel veredelt werden. Das Lysbüchel – die Planer nutzen den moderner klingenden Namen Volta Nord – ist auch der Lackmustest für die Strategie der Regierung, ehemalige Industrieareale in moderne Wohn- und Gewerbezonen zu transformieren. Bei einem Ja sollten die ersten Bewohner bereits im Jahr 2022 einziehen können. Weitere Areale wie das Klybeckplus, der Güterbahnhof Wolf oder das Hafenareal Klybeck sollen in den nächsten Jahren folgen.

2. Wie soll das neue Quartier Volta Nord aussehen?

Der Grossteil des jetzigen Gewerbe- und Industrieareals soll künftig zum Wohnen genutzt werden. Rund 1300 Personen sollen auf dem Lysbüchel eine neue Heimat finden, inklusive Schule und Quartierpark. Daneben ist auch Platz für stilles Gewerbe und am nördlichsten Zipfel für lautes Gewerbe und Industrie geplant. Die Regierung spricht von rund 2000 Arbeitsplätzen und betont, das sei ein Vielfaches der aktuellen Situation.

3. Warum ist der Gewerbeverband dagegen?

Direktor Gabriel Barell möchte das Areal ganz oder zumindest grösstenteils für das Gewerbe nutzen. Der Verband kritisiert, dass zunehmend KMU aus der Stadt verdrängt werden. Der geplanten Mischnutzung aus Wohnen und Gewerbe traut man nicht. Vielmehr werde das Lysbüchel zur «Piranha-Zone». Konflikte zwischen Anwohnern und Gewerbe seien vorprogrammiert, Letztere würden am kürzeren Hebel sitzen. Zudem sei das Areal aufgrund seiner Lage nicht für die geplante Wohnnutzung geeignet. Allerdings: Der Gewerbeverband steht zunehmend alleine auf weiter Flur. Unterstützt wird er nur von der FDP und SVP. Während der Beratung der Vorlage wechselte neben den Grünliberalen und der CVP auch die LDP auf die Seite der Befürworter. Entsprechend deutlich war dann auch das Ergebnis im Parlament. Vergangene Woche dann ein weiterer Rückschlag für die Gegner: Auch die Handelskammer beider Basel, die sich zuvor ablehnend geäussert hatte, beschloss die Ja-Parole zu Volta Nord.

4. Mal im Ernst: Zwischen Schlachthof und Kehrichtsverbrennungsanlage will doch niemand wohnen.

Fakt ist: Der Basler Wohnungsmarkt ist seit Jahren sehr angespannt. Nachdem die Pläne der Stadtrandentwicklung vor vier Jahren Schiffbruch erlitten, sind die Transformationsareale quasi die letzte Hoffnung der Stadtentwickler. Das Beispiel Erlenmatt zeigt, dass eine solche Umwandlung von früheren Industriegebieten erfolgreich sein kann. Auch politisch wurden Zugeständnisse gemacht. So soll rund ein Drittel der Wohnungen von Genossenschaften verwaltet werden. Damit kann günstiger Wohnraum geschaffen werden.

5. Wie ist die Prognose für die Abstimmung?

Alles andere als ein klares Ja wäre eine Überraschung. Und würde die Regierung vor grosse Probleme stellen. Bereits zum zweiten Mal innert vier Jahren wäre ein städtebauliches Prestigeprojekt gescheitert. Gleichzeitig sind mit der Annahme der Mieterinitiativen diesen Sommer der Handlungsdruck gestiegen und der Gestaltungsraum kleiner geworden. Welche Projekte die Kantons- und Stadtentwicklung dann noch aus dem Hut zaubern kann, bleibt abzuwarten.

6. Was würde bei einem Nein passieren?

Diese Frage ist offen. Die SBB Immobilien, die die grösste Grundeigentümerin auf dem Areal sind, rechnen damit, dass das Lysbüchel für rund ein Jahrzehnt brach liegen würde: Die bisherigen Mietverträge mit Gewerbefirmen sollen auch im Falle eines Neins nicht verlängert werden. Entsprechend droht ein langer Stillstand. Die Gegner bezeichnen dies als leere Drohung und stellen sich auf den Standpunkt, dass schnell ein besseres Projekt erarbeitet werden könne. Tatsächlich wurde im Abstimmungskampf ein Vorschlag einer Anwohnergruppe vorgestellt.

Dieser Beitrag ist in der bz Basel vom 30. Oktober 2018 erschienen.